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24.09.2018
kn-Forum

So war und ist die Situation um die Hautarztnachfolge

Dass die Hautarztpraxis in Sondershausen schließt, hatte kn bereits berichtet. Zu den Hintergründen der Nichtbesetzung der Praxis und der Verzögerung der Behörden erreichte kn dieser Leserbrief des Lebensgefährten der möglichen Nachfolgerin. Aus verständlichen Gründen wurde nicht der vollständige Namen eingesetzt. Der Name und die Anschrift des Leserbriefschreibers sind der Redaktion bekannt...

Hier der komplette Wortlaut des Leserbriefes:

"Ich bin der Lebensgefährte von Frau K.. 2015 hatte ich das erste Mal mit Frau Liebetrau wegen der Suche eines Nachfolgers für ihre Praxis zu tun. Leider wird von Seiten der Politik, der Kassenärztlichen Vereinigung und aller Behörden sehr wenig dafür getan. Es gibt für mögliche Fachärzte aus Osteuropa keine Unterstützung. Ein Darlehen, um alle Kosten im Vorfeld bestreiten zu können, wäre sehr hilfreich, da die Kosten bis zur Genehmigung etwa 25.000 € betragen. Gemessen an einem monatlichen Verdienst in der Heimat von unter 250 € ist dieses für viele nicht möglich und keinesfalls für die dortigen arbeitslosen Fachärzte.

Im Mai 2016 kam Frau K. aus der Ukraine zu Frau Liebetrau nach Sondershausen. Es war an einem warmen sonnigen Sonntagnachmittag, wo sich die beiden Ärztinnen das erste Mal im Garten von Frau Liebetrau begegneten. Beide waren sich sofort sympathisch. Frau Liebetrau sagt heute noch: „Als Sie mir den Lebenslauf mit dem Bild von Frau K. gegeben haben, habe ich sofort gewusst, SIE ist die richtige Nachfolgerin für meine Praxis.“ Dieses bestätigte sich auch bei den beiden Sprechstundenschwestern. Wie eine kleine Familie überstand man die ersten Hürden auf dem Wege zur Genehmigungen für Frau K. Bei allen Prüfungen, die notwendig waren, fieberten alle bis zum Bestehen mit.

Mit „meiner“ Praxis meint Frau Liebetrau ihre Patienten und die Angestellten, alles, was sie seit der Wende 1990 aufgebaut hat. Die Praxis ist wie ihr „Kind“. Aus diesem Grund hat sie trotz schwerer Krankheit und vieler Rückschläge bei der Suche nach einem Praxisnachfolger für ihre Angestellten und Patienten nicht aufgegeben und man kann ruhig sagen - gekämpft. Wenn Frau Liebetrau zu ihren Klassentreffen fährt, ist sie seit einigen Jahren die einzige, die noch aktiv berufstätig ist. Auch wenn es oft anders gesehen wird, müssen auch Ärzte in Rente gehen. So wussten wir bereits seit 1990, wann ein Nachfolger für die Praxis benötigt wird.
Ab Mai 2016 lernte Frau K. mit dem Ziel, die Praxis zu übernehmen, intensiv Deutsch.

Die ersten 3 Monate besuchte sie dafür einen Kurs am Morgen und war an den freien Tagen in der Praxis. Von Oktober bis März besuchte sie zusätzlich am Abend in Erfurt den Kurs „Medizinisches Deutsch“. Nach einem 6-wöchigen ganztägigen Spezialkurs in Berlin war sie gut für die medizinischen Sprachprüfungen an der Heidelberger Universität vorbereitet. Der Antrag auf Approbation, um bei Frau Liebetrau als Ärztin arbeiten zu können, wurde erst im November bearbeitet. Frau K. wurde nun dreimal zur Vorsprache beim Landesverwaltungsamt Thüringen geladen, ohne jedoch die gewünschte Berufserlaubnis zu erhalten. Endloser Mailverkehr und zahlreiche Telefonate brachten am 19. Dezember 2017 aus Weimar das vorzeitige „Weihnachtsgeschenk“ für Frau K., ihre Berufserlaubnis.

Auflage der Behörde war, das personalisierte Curriculum vom Studium und der Internatura noch zur Beurteilung der Gleichwertigkeit des medizinischen Studiums in der Ukraine mit dem in Deutschland vorzulegen. Dies bedeutet, dass jede theoretische und praktische Stunde mit den Lerninhalten nachgewiesen wird. Die Universität benutze zwar eine kleine Schrift, aber es wurden doch 180 Seiten, welche jetzt schnell von einem vereidigten und zugelassenen Übersetzer in Deutschland übersetzt werden mussten. Es gibt in Deutschland vielleicht eine Handvoll dieser Übersetzer, da sie auch über das notwendige medizinische Wissen in beiden Sprachen verfügen müssen.

Am 8. Juni konnten endlich das Curriculum und ein Gutachten zur Gleichwertigkeit von einer vereidigten Sachverständigen der Behörde in Weimar vorgelegt werden. Das Gutachten kommt nachweislich auf 11.000 medizinische Ausbildungsstunden. Ein durchschnittlicher Student in Deutschland absolviert 3.500 Stunden. Frau K. hat vor dem Studium eine Lehre als Krankenschwester gemacht und zusätzlich 25 Jahre Berufserfahrung als Hautärztin. Neben ihrer eigenen privaten Praxis in der Ukraine hat sie an den beiden Kliniken, an denen sie tätig war, selbst junge Ärzte ausgebildet. Leider reicht dies alles für das Landesverwaltungsamt nicht aus, um eine Gleichwertigkeit der beiden Ausbildungen zu bescheinigen.

Dies ist aber eine Voraussetzung, damit Frau K. sich die Facharztausbildungszeiten von der Landesärztekammer in Jena bestätigen lassen kann. Erst dann kann sie als Fachärztin allein eine Praxis führen. Viel wurde unternommen, viele haben sich mit dafür eingesetzt, aber leider hat es nicht gereicht und es ist vielen Stellen egal, wenn Praxen schließen. Am Anfang ist da große Aufregung, doch diese legt sich schnell. Dies spiegelt die Herangehensweise vieler Verantwortlicher wider. Wenn eine Praxis erstmal geschlossen ist, wird es sehr schwer, eine neue zu eröffnen. Der Einstieg einer Nachfolgerin in die bestehenden Strukturen einer Praxis sind da viel leichter möglich.

Einige der Verantwortlichen, die noch etwas bewegen könnten und dies auch äußerten, sind bis Anfang Oktober im Urlaub und ehe man sich’s versieht, ist Weihnachten und das Licht der einzigen Hautarztpraxis in Sondershausen geht für immer aus. Jedes Jahr haben die beiden treuen Arzthelferinnen, die Frau Liebetrau seit der Eröffnung der Praxis begleiten, ihre Praxis für sich und die Patienten geschmückt.

Dieses Mal wird es das letzte Mal sein und im Januar werden sie leider mit Frau Liebetrau die Praxis ausräumen müssen. Einige Patienten, die das Glück haben, von einem Hautarzt als Patient aufgenommen zu werden, holen dann ihre Unterlagen ab. Man wird sie zählen können, da im Umkreis von 40 Kilometern kein Hautarzt noch Patienten aufnimmt. Diese Lage wird aufgrund der Schließung einer weiteren Hautarztpraxis in Nordhausen für Hautkranke dramatisch. So ist dann eine weitere Versorgung nicht garantiert.

Wissen sollte man auch, dass die Stelle des Kollegen von Fr. Liebetrau unbesetzt blieb, als dieser vor 13 Jahren in den Ruhestand ging. Aus diesem Grund kann ich nicht verstehen, dass intensive Bemühungen um eine Praxisnachfolge seit 3 Jahren ohne Unterstützung blieben, was den Verantwortlichen ja schon länger bekannt ist.

Am Ende bleiben eine enttäuschte Frau Liebetrau, arbeitslose Schwestern, eine Ärztin, die in der Heimat alles aufgab, und viele Patienten ohne eine hautärztliche Versorgung sowie keine Aussicht, bei einem anderen Hautarzt als Patient aufgenommen zu werden.

An die lange Schlange bei der einzigen Augenärztin in Sondershausen hat man sich ja schon gewöhnt und so wird es in einigen Monaten normal sein, dass man zum Hautarzt eine mehrstündige Anfahrt in Kauf nimmt.
Eine Stadt und die Region lebt von einer guten ärztlichen Versorgung. Durch die Schließung der Praxis Liebetrau wird es in Sondershausen wieder etwas dunkler."
S.G.
Der vollständige Name und die Anschrift des Schreibers sind bekannt.
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Kommentare

24.09.2018, 07.08 Uhr
Kobold2 | Interessant
wären jetzt die Aussagen zu dieser Situation von den zuständigen Stellen.
Bekommt das KN hin?
24.09.2018, 19.48 Uhr
tannhäuser | Unfassbar!
Ich war zuletzt vor 3 Jahren Patient im hiesigen Krankenhaus.

Da haperte es bei einigen der osteuropäischen Ärzte aber ziemlich an deutschen und medizinischen Fachkenntnissen. Zumindest, um sich bei den Patienten ausreichend verständlich auszudrücken.

Wäre es bei ihrer potenziellen Nachfolgerin ebenso, wäre Frau Dr. Liebetrau kaum so begeistert gewesen.

Kommt sie derzeit einfach nur aus dem falschen Land und hätte 2015 übers Mittelmeer und die Balkanroute ohne Papiere hier einfallen sollen anstatt sich, wie ehrliche Bewerber das tun, mit Zeugnissen, Lebenslauf und Pass vorzustellen?
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