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18.08.2017
Lichtblick zum Wochenende

Zuspruch dem, der ein zerbrochenes Herz hat

Im Lichtblick am Wochenende wirft Superintendent Kristof Balint einen Blick auf die moderne Welt, Rassismus, die Diskussionkultur im Netz und denkt dabei über Wut und zerschlagene Gemüter nach...

Der Wochenspruch dieser Woche (für jede Woche gibt es im Kirchenjahr einen Bibelspruch) steht im Psalm 34 und lautet: „Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“

Ich frage mich beim Lesen, was das konkret bedeutet: „zerbrochenes Herz“ und „zerschlagenes Gemüt“. Die enttäuschte Liebe eines Menschen lässt ihn annehmen, sein Herz sei „gebrochen“. Der arbeitslose Mann, der gern in Arbeit käme aber keine findet, dessen Gemütszustand immer schwermütiger wird, also schwer Mut findet: zerschlagen ist sein Gemüt. So in etwa verstehe ich das.
Ich nehme wahr, dass es in unserer Gesellschaft, die von Ihrem Wohlstand her mehr als zufrieden sein könnte (verglichen mit früheren Zeiten und mit der Mehrheit der Weltbevölkerung heute), soviel Menschen ohne Mut sind und ihren Frust nach innen oder außen kehren.
Autoaggression ist dabei nicht weniger schlimm als Aggression gegen andere. Beides ist schädlich: für sich selbst und die anderen. Wie kommt es, dass Menschen so ohne jedes Maß und ohne jedes Gespür für das was geht, auf andere losgehen?

Psychologen sagen, dass Anonymität der Grund ist. Einem Menschen, dem ich gegenüberstehe, der meine Argumente widerlegt, der sich mit mir auseinandersetzt, dem gegenüber bin ich vorsichtiger, als wenn ich anonym irgendwelche Behauptungen aufstelle. Der andere kann sich ja nicht wehren. Ich sehe auch nicht, ob ich ihn verletzte, erfreue, verärgere…

In den USA haben sich Menschen mit weißer Hautfarbe bis ins letzte Jahrhundert hinein öffentlich für die „richtigen Menschen“ erklärt (dem [Un]Geist nach überhaupt nicht anders argumentierend als die Nationalsozialisten) und Schwarze zu Nichtmenschen, die man einfach aufknüpfen konnte, wenn sie einem nicht gefielen. Sie wurden nicht einmal bestraft, man ließ sie gewähren und weil sie sich Kapuzen mit Augenlöchern aufsetzten, deshalb war es auch „anonym“ (aus dem griechischen: „ohne Namen“). Ein bewegendes Stück Literatur, das davon erzählt und das ob seines Umfangs dennoch sehr empfehlenswert ist, ist Ken Follets Jahrhundert-Trilogie. Sobald Menschen sich unerkannt wähnen, sind sie enthemmter als wenn Sie erkannt werden können. Da unterscheiden sich Ku-Klux-Klan-Anhänger und anonyme besorgte Netznutzer nur in der Wahl ihrer Mittel. Doch erst eskalieren die Worte, dann brennen die Bücher und dann werden Menschen bekämpft und verfolgt. Das Ergebnis ist jetzt in Charlottsville erschaudernd zur Kenntnis zu nehmen.

Der gleiche Geist weht nun in einem Netz, das die ganze Welt verbindet. Enthemmte Menschen gehen aufeinander los, es kostet ja nichts, nicht einmal den guten Ruf, wenn ich andere Menschen denunziere, beschimpfe, mit falschen Behauptungen um mich werfe.

Ein Beispiel? Auf meine Andacht letzte Woche gab es ein Forum. Das ist völlig in Ordnung, jeder hat das Recht sich so weit wie er will vor der Weltgemeinschaft zu entblößen, er bleibt ja unerkannt als Leser X etwa. Dort wird eine Menge an unbewiesenen Behauptungen aufgeboten, ein Beispiel gefällig? „Ich vernehme Ihre Stimme auch nicht, wenn die deutsche Armee sich auf politischen Befehl in immer mehr Länder einmischt. Vielleicht sollten Sie sich auch mal um solche die Menschen bewegende Dinge kümmern, anstatt die Stufen der nicht nur durch die vergleichsweise wenigen Gläubigen genutzten Petersbergtreppe mit christlichen Parolen bemalen zu lassen.“

Da liegt jemand aber ganz gewaltig daneben, denn Margot Käßmann als leitende Bischöfin der Evangelischen Kirchen in Deutschland war eine der ersten, die den Krieg in Afghanistan als nicht gut bezeichnete und wurde dafür sehr hart angegangen. Ich selbst habe in einigen Predigten und auch in öffentlichen Verlautbarungen (z.B. beim Tag der Deutschen Einheit) das Thema beim Namen genannt. Wenn Herr X dies nicht hört oder wahrnimmt, dann sagt das etwas über ihn und zeigt, dass hier nicht ehrlich argumentiert wird.

Davon, dass ich die Petersbergtreppe habe mit christlichen Parolen bemalen lassen, höre ich heute das erste Wort. Bei einem solchen Argumentationsniveau verstehe ich, dass Sie nicht erkannt werden wollen, sehr geehrter Herr X.
Schopenhauer sagt zum Thema Anonymität: „Pressefreiheit sollte durch das strengste Verbot aller und jeder Anonymität und Pseudonymität bedingt sein, damit Jeder für Das, was er durch das weitreichende Sprachrohr der Presse öffentlich verkündet, wenigstens mit seiner Ehre verantwortlich wäre. So lange ein solches Verbot nicht existiert, sollten alle redlichen Schriftsteller sich vereinigen, die Anonymität durch das Brandmal der öffentlich, unermüdlich und täglich ausgesprochenen äußersten Verachtung zu proskribieren.“

Auf solche Meinungsäußerungen in diesen Foren einzugehen ist verschwendete Lebenszeit. Außerdem kann ich nicht mit Menschen reden, die es nicht gibt, die sich Herr X, Othello, Overhead oder anders nennen. Im Wort Andacht steckt das Wort denken. Wir kommen nicht drum herum.

Im Übrigen ist das o.g. Forum ein schönes Beispiel dafür, dass es nicht um (selbst)kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Auffassungen von Wahrheit geht und um die Suche nach der reinen Wahrheit, so es diese überhaupt gibt. Es liest sich eher wie ein Gesprächsprotokoll von Menschen, die eine Projektionsfläche für Ihre Wut suchen, sich gegenseitig bestärken und aufschaukeln. Kaum wirklich substantiell. Das ist schade, denn um Wahrheitssuche sollte es uns allen gehen.

Ich habe viele direkte Zuschriften bekommen, Zuschriften des Dankes und der Ermutigung. Ich wünschte, diese kämen auch in Ihrem Forum zu Wort, aber vermutlich haben die Menschen das schon aufgegeben, weil sie dann öffentlichkeitswirksam von namenlosen Feiglingen „heruntergeputzt“ werden. So aber könnten Sie wohlmöglich glauben, dass Sie die Mehrheit vertreten. Sind Sie sehr verwundert, wenn ich das in Frage stelle?

Ich war von KN gebeten worden, ob wir nicht jeden Freitagmorgen eine Andacht für das Wochenende schreiben würden. Eine Andacht ist nach Immanuel Kant „Die Stimmung des Gemüths zur Empfänglichkeit gottergebener Gesinnungen.“ Das ist kein Marktplatz zum Austausch für Phantome, die sich nicht zu erkennen geben. Das soll zum Denken anregen, wenn es sein soll auch aufregen, aber es ist keine Auseinandersetzung mit dem/der angedacht, der/die die Zeilen schreibt und die Herzen der Menschen erreichen möchte (das können Sie übrigens auch nicht beim Wort zum Sonntag, beim Wort des Bundespräsidenten, beim Wort der Kanzlerin…). Schon gar nicht mit Menschen, die nicht das bisschen Mut besitzen, sich zu erkennen zu geben und alle möglichen Ausflüchte über Benachteiligungen und nichtchristliche Handwerker in „christlichen Orten“ bemühen wie „Othello“ (nomen est omen), von denen vor Jahrhunderten vielleicht jemand geglaubt hätte, dass es sie im tiefen Thüringer Wald gibt. Es ist und bleibt peinlich, was da so an den Haaren herbeigezogen wird.

Dass die KN dennoch eine Möglichkeit einräumen, sich zum Lichtblick zu äußern ist ihr gutes Recht, es braucht also niemand barmen, ihm widerführe Unrecht. Wer sich nicht zu erkennen gibt, verwirkt jedes Anrecht auf eine Diskussion. Ich stelle mich ihr, aber nicht anonym nach Andachten, sondern nach jedem der vielen Gottesdienste die ich im 100 km breiten Kirchenkreis halte. Zeigen Sie Gesicht! Zeigen Sie Haltung! Zeigen Sie Achtung und Respekt vor der Meinung anderer! Zeigen Sie, dass Sie Argumente verstehen und aufnehmen, erwidern, widerlegen oder synthetisieren können. Arthur Schopenhauer hat zu diesem Thema einen kurzen knappen Satz gesagt, mit dem ich diesen kurzen Exkurs schließen will, denn er ist ein Lichtblick in dieser Diskussion: „Anonymität ist das Schild aller literarischen Schurkerei. Oft auch dient sie bloß, die Obskurität, Inkompetenz und Unbedeutendheit des Urteilenden zu bedecken. Rousseaus Wort: tout honnête homme doit avouer les livres qu’il publie, das heißt auf Deutsch: Jeder ehrliche Mann setzt seinen Namen unter Das, was er schreibt — gilt von jeder Zeile, die zum Druck gegeben wird.“

Das allerletzte Wort soll die Bibel haben: „Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ Ich wünsche all denen, die durch welche Gründe auch immer so verhärtet sind, die Gewissheit, dass da EINER ist, der Ihnen nahe sein und ihnen helfen will.

Ein gesegnetes und angeregtes Wochenende wünsche ich Ihnen
Superintendent Bálint

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