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Di, 20:45 Uhr
15.08.2017
Aus dem Kulturausschuss

Der Südharz findet nicht statt

Das Land Thüringen hat jüngst seine Tourismusstrategie 2025 vorgestellt, der Thüringer Norden kam darin nicht vor. Die Aufregung rund um Südharz und Kyffhäuser war entsprechend, mal wieder scheint der Freistaat vor den Sondershäuser Bergen zu enden. In Erfurt reagierte man. Ein bisschen. Heute sollte das Konzept auch dem Nordhäuser Kulturausschuss vorgestellt werden. Man fand deutliche Worte für die Ideen aus Erfurt...

Im Kulturausschuss stellte Olaf Dirlam heute die Toursimus-Strategie des Landes vor (Foto: nnz)

Bevor man sich den Erfurter Standpunkt anhören wollte, stand noch anderes auf der Tagesordnung: die Grünen möchte wieder eine Gedenktafel für Käthe Kollwitz an dem Haus Am Hagen anbringen lassen, in dem die Künstlerin während des Krieges Zuflucht gesucht hatte.

Eine entsprechende Plakette hatte hier jahrelang gehangen und befindet sich heute in der Dauerausstellung des Museums Flohburg. Man würde die Originalplatte gerne wieder zur Verfügung stellen, sagte Museumsleiterin Susanne Hinsching und riet aus urheberrechtlichen Gründen von Nachgüssen oder anderweitigen Kopien ab. Zu klären sei noch das Einverständnis des Eigentümers, denkmalschutzrechtliche Belange und die Art und Weise der Anbringung, so Hinsching weiter.

Die Stadt hatte das Relief in den 70er Jahren als Geschenk erhalten aber nie am vorgesehenen Ort angebracht. Erst nach der Wende fand sich das Bronzerelief wie so vieles auf dem Dachboden der Geschichte und wurde an seinem angedachten Platz angebracht. 1996 wurde das Original gestohlen, wenige Tage nach dem Diebstahl fand sich das gute Stück wieder und wurde danach im damaligen Meyenburg-Museum untergebracht. Die einzige Beschlussvorlage des Tages wurde einstimmig angenommen.

Im Kulturausschuss stellte Olaf Dirlam heute die Toursimus-Strategie des Landes vor (Foto: Angelo Glashagel)

Danach konnte man zum "spannenden" Teil der Sitzung übergehen. Man sei nicht zufrieden mit dem vorliegenden Konzept, sagte Bürgermeisterin Jutta Krauth, wolle sich aber anhören, was der Gast aus Erfurt zu sagen habe. Die Vorstellung übernahm Olaf Dirlam, Referatsleiter für Tourismuspolitik im Thüringer Ministerium für Wirtschaft.

Der Tourismusverband Südharz-Kyffhäuser sei an der Erstellung des Konzeptes beteiligt gewesen und habe die Interessen der Region vertreten, sagte Dirlam. Der Freistaat stehe von der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer über die Frage der Qualität bis zum Mangel an Fachkräften vor vielen Herausforderungen, die Nachbarbundesländer seien da vielfach weiter. "Thüringen wird Tourismusland", dies sei das Ziel der Planungen, man wolle aufschließen zu den Nachbarn und in der gleichen Liga wie etwa Bayern spielen. Man wolle den Tourismus auf allen Ebenen stärker verankern und auch entsprechend Geld in die Hand nehmen.

Vier strategische Schwerpunkte hat man im Ministerium ausgemacht: Marke und Zielgruppe, Digitalisierung als "Grund-DNA" der Tourismus-Strategie und "Megatrend" bei dem man über "Tourismus 4.0" ganz vorne mitspielen wolle, das Maßnahmepaket Gastgewerbe als Hilfe und Erleichterung für Betriebe sowie Organisation und Finanzierung, die man über die Schaffung leistungsfähigerer und größerer Strukturen stärken will. Letzteren Schritt habe in der Region mit dem Tourismusverband Südharz-Kyffhäuser schon gemacht, lobte Dirlam, man habe gut mit den Kollegen zusammengearbeitet.

Im ersten Schwerpunkt habe man sich immer breit aufgestellt, zukünftig werde man einen "kompletten Rollenwechsel" vollziehen und das Angebot aus Gästeperspektive entwickeln, erklärte der Referatsleiter. Thüringen soll nicht länger als geographischer Raum begriffen werden. Stattdessen will man das Profil des Freistaates über "Leitprodukte" stärken. Über spezifischere Angebote soll beim potentiellen Gast mehr Begehrlichkeit geweckt werden um die Reisenden nach Thüringen zu ziehen. Vor Ort soll gezeigt werden, dass es im Land noch mehr zu entdecken gebe, nur müsse man die Gäste eben erst einmal in den Freistaat locken.



Die "Leitprodukte", die man in Erfurt identifiziert hat sind: Weimar als eine der Kulturhauptstädte Europas, die Wartburg als Ort der Weltgeschichte, der Rennsteig als "Sehnsuchtsort" und ältester Kulturwanderweg des Kontinents und die Landeshauptstadt Erfurt, als eine Art "Geheimtipp" für neugierige Städtereisende, der in einer Liga mit Porto oder Riga gehandelt werden könne.

Über die "Top-Produkte" will man dem Gast Lust auf mehr machen und "glaubhaft versichern", dass man in Thüringen auch andernorts Angebote in gleicher Qualität entdecken könne, so Dirlam. In diese Kategorie würden dann auch Sehenswürdigkeiten wie der Karstwanderweg, das Kyffhäuser-Denkmal oder die Landbäckerei in Limlingerode gehören.

Finanziert werden soll das alles unter anderem über einen "Tourismusbeitrag", den Kommunen von allen Gewerbetreibenden erheben können aber nicht müssen. Wer den Beitrag nicht einführt, für den werde es aber auch schwieriger Fördermittel zu erhalten.

Er sei persönlich eher "desillusioniert", sagte Georg Müller, der Vorsitzende des Kulturausschusses. Ansgar Malich kritisierte, dass das Konzept mal wieder lediglich die Achse A4 berücksichtige, der Landkreis Nordhausen sei in der Vorstellung überhaupt nicht vorgekommen. Der Kreis habe durchaus Alleinstellungsmerkmale, etwa mit der Harzer Schmalspurbahn, oder dem Gipskarst. Er würde gerne wissen, auf welchen Erkenntnissen die Strategie fuße.

Die fünftgrößte Stadt Thüringens sei nicht in den Prozess eingebunden worden, sagte Malich, "der Südharz findet nicht statt". Zudem vermisse er die Unterstützung des Landes für die Bemühungen Nordhausens die weitere Harzregion touristisch zu einen, erklärte Malich. "Es ist die Aufgabe des Landes, den gesamten Freistaat zu entwickeln nicht nur die Orte an der A4", sagte Malich. Eine neue Steuer, nichts anderes habe Dirlam vorgeschlagen, sei nicht zu vermitteln, wenn der Freistaat Touristen nur in vier Regionen locken wolle.

"Wir haben uns auf den Weg gemacht", sagte Bürgermeisterin Krauth mit Blick auf die "gut vernetzte" Harzregion, "es irritiert mich, dass das nicht gesehen wird. Das macht mir wirklich sorge." Die Thüringer Tourismusgesellschaft könne nicht die Lösung sein, die TTG arbeite seit Jahrzehnten und seit Jahrzehnte passiere das gleiche.

"Meine erste Reaktion war: ab nach Niedersachsen. Wir sind nicht gewollt", sagte Katharina Mucke, wenn der Tourismus der Region nicht gefördert werde, dann werde man auch nicht ausbilden können, ein Extra-Fördertopf für touristisch schwache Regionen sei eine Möglichkeit oder eine Befreiung von der Abgabe.

Matthias Mitteldorf kritisierte die Anbindung an Nordhausen, nicht nur die zahlreichen Baustellen die pünktlich zum Ferienbeginn die Straßen in Richtung Harz sperrten, auch die Bahnverbindungen in Richtung Norden seien touristisch nicht ausreichend.

Mit Blick auf die angedachte Abgage könne unter den Gewerbetreibenden tatsächlich der Eindruck enstehen, das man vom eigenen Land vergessen werde, kritisierte auch Stephanie Aurin, zuständig für Stadtmarketing. An die Erkenntnisse des Kulturentwicklungskonzeptes zwischen Kyffhäuser und Südharz sei nicht angeknüpft worden, stattdessen erlebe man jetzt eine "Parallelwelt". Rüdiger Neitzke forderte mehr Zusammenarbeit mit den Nachbarbundesländern um die Tourismusregion Harz zu stärken.

Formalrechtlich wie auch wirtschaftlich sei die Strategie nicht umsetzbar, meinte Georg Müller. Im Zuge der Erarbeitung seien die Betroffenen offensichtlich nicht eingebunden worden. Malich setzte noch einmal zur Generalabrechnung an: Industriegebiet, Tourismus, Fördermittel, Theater, Verkehr - es bestehe ein absolutes Missverhältnis zwischen dem Zentrum und dem Norden Thüringens. Er fühle sich als Thüringer zweiter oder dritter Klasse, meinte Malich, der in Jena auch erlebt habe, wie man als Thüringer "erster Klasse" lebe.

In Jena und Weimar würde man die gleichen Argumente hören, "sie sind da nicht allein", sagte Dirlam. In hohem Maße stelle sich für ihn ein Vermittlungsproblem dar. Die Entwicklung der "Perlen" seien Kompetenzbeweise des Freistaates. "Wir kennen die Perlen, unsere Gäste kennen sie nicht." Die Region Südharz-Kyffhäuser müsse verstehen, dass man mit dieser Strategie eine Chance habe, gemeinsam mit dem Land den Tourismus zu entwickeln, sagte Dirlam. Die "Perlen" seien qualitativ noch nicht auf dem Niveau, um Touristen "auf Höhe der ersten Liga" anzusprechen.

Er wisse sehr wohl, was man in den letzten Jahre in die Region Harz investiert habe, es sei viel Geld geflossen, auch nach Nordhausen. Den Vorwurf, dass man die Region vergessen hätte, ließe er sich nicht machen, das sei faktisch falsch. "Man muss anerkennen, was diese Landesregierung in vielen, vielen Jahren für diese Region getan habe", sagte Dirlam. Der Tourismus habe in der Stadt nicht den Stellenwert, den die Anwesenden heute vorgeben würden.

Man werde die Standpunkte noch einmal schriftlich darlegen, sagte Müller abschließend. Sicher scheint nur eins: man ist sich uneins.
Angelo Glashagel
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Kommentare

15.08.2017, 22.58 Uhr
icke58 | Südharz findet nicht statt!!
Hat mann inNordhausen und Sondershausen noch nicht begriffen das Nordthüringen in Erfurt keine Rolle spielt und das schon über Jahre.Autobahn A4 da endet Thüringen.Aber es gibt keinen Politiker der mal richtig den Mund aufmacht das übrigens unter CDU auch nicht anders nur das Eichsfeld wurde immer bevorzugt.Unter Althaus und Lieberknecht!!! Mann sagt ja immer da wurden sogar die Feldwege bitumiert.Daran wird sich auch nix ändern.
16.08.2017, 08.02 Uhr
henry12 | Hohles Bonzengequatsche
Worthülsen, hinter denen sich Konzeptlosigkeit
verbirgt. "Digitalisierung als "Grund-DNA" der Tourismus-Strategie und "Megatrend" bei dem man über "Tourismus 4.0...........".
Populist Tiefensee lässt seiner heißen Abluft vom
Sommerbesuch noch ein kleines Echo folgen. Vll. sollte Nordhausen versuchen, sich mit dem Harz und den entsprechenden Orten selbst zu vermarkten. Die Stadt liegt zwar in Thüringen, wird aber sicher mehr als Ort im Südharz wahrgenommen.
16.08.2017, 09.03 Uhr
Michl | Eigene Unfähigkeit
Das ganze Opfergerede ist absolut nicht zielführend und komplett daneben. Wer lesen kann und mit offenen Augen durch die Region fährt, erkennt schnell, dass nicht irgendwelche "Bonzen" in Erfurt an der Situation schuld sind.

Hier steht es doch: "Der Tourismusverband Südharz-Kyffhäuser sei an der Erstellung des Konzeptes beteiligt gewesen und habe die Interessen der Region vertreten..."

Das ist auch logisch und nachvollziehbar, denn in Erfurt kann man nur das in die Prospekte und Konzepte schreiben, was die Region liefert. Und in diesem Zusammenhang muss man auch mal die Kirche im Dorf lassen und den eigenen Standort touristisch richtig verorten.

Es ist nicht das Primat der Politik, den Südharz - Kyffhäuser zu einem touristischen Leuchtturm zu entwickeln. Wir haben hier keine Seenplatte, keine Küste,... Wir haben hier nicht viel davon, was andere nicht haben. Wir spielen nicht in der Liga von Weimar, Erfurt oder Oberhof. Das ist die Realität.
16.08.2017, 09.13 Uhr
ScampiTom | Realsatiere
wenn man diese Worthülsen wahr nimmt, kommt man sich vor wie in einer Daily Soap am Nachmittag markige Sprüche aber nix greifbar, verwertbar für das reale Leben.
16.08.2017, 11.32 Uhr
Leser1 | Scheinheilig? Erst den Beherbergungsstätten Konkurenz machen und dann Tourismusabgaben fordern?
Frau Krauth hat doch im Landratsamt entschieden wer was vom Kuchen abbekommt. Da soll sie jetzt nicht so scheinheilig tun. Die Flüchtlinge hätte sie statt in Turnhallen oder in der Servicegesellschaft in den vorhandenen privaten Hotels und anderen privaten Beherbergungsstätten unterbringen können. Dann wäre was von dem reichlich sprießenden Steuergeldern bei den Nordhäuser Hotels angekommen.

Davon hätten Hotels investieren können um Nordhausen atraktiver zu machen. Statt dessen haben wir jetzt riesige Ausgaben für Bewachung und Unterhaltung der leerstehenden Objekte der Servicegesellschaft. Was für eine Steuerverschwendung. Hotels leben nicht nur von dem Urlauber sondern auch von Montagearbeitern wenn irgendwo was gebaut wird, von Geschäftsreisenden und das Flüchlingsgeld hätten die Hotels gut gebrauchen können. Die Beherbergungsstätten hätten sich finanziell saniert und der Steuerzahler hätte jetzt weniger Folgekosten für leere Flüchtlingsheime. Wir brauchen keine Tourismusabge.

Was wollen wir den Firmen noch abverlangen? Firmen sollen angesiedelt und nicht abgeschreckt werden. Das Werbegeld wird sowieso für Freunde der Partei eingesetz glaube nicht das da jeder kleine Vermieter was abbekommt. Da werden eher Freunde gefördert und der kleine Vermieter kaputt gemacht. Bringt die Leute unter in Nordhausen wenn ihr welche habt so könnt ihr den Beherbergungsstätten helfen und nicht mit Zwangsabgaben. Lasst die Firmen selber werben und lasst sie in Ruhe. Wenn Geld dann für alle und nicht für Vorzeigeobjekte von nem befreundeten Parteifreund die die kleinen dann kaputt machen.
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